Am Sonntag, 8. Dezember 2019, fand in der Ehrenhalle des Bomann-Museums wieder unser traditioneller Adventsgottesdienst statt (siehe Foto). Der sehr gut besuchte Gottesdienst, der unter dem Motto "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren" stand, zählte zum Begleitprogramm der Sonderausstellung "Kalter Krieg und heißer Beat – Die 60er zwischen Aufbruch und Alltag". Die Predigt hielt Pastor Dr. Peter Söllner (Ev.-luth. Concordia-Gemeinde). Die Einführung zum Thema, die im Folgenden abgedruckt ist, wurde von Pastor Dr. Andreas Flick und Uta Brand-Schulten (Ev.-ref. Kirchengemeinde) verlesen.

Advensgottesdienst im Bomann-Museum

Ganz spontan haben ich einmal zusammengetragen, was ich, ohne in ein Lexikon zu schauen, mit den 1960er Jahren verbinde. Eingefallen sind mir: die Ermordung John F. Kennedys, der Bau der Berliner Mauer, der Kalte Krieg, der Vietnam-Krieg und die weltweiten Proteste dagegen, die 68er Studentenproteste in Deutschland unter dem Motto „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“, die außerparlamentarische Opposition, genannt APO, und die Rufe Ho Ho Ho Chi Minh, die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien, das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke – übrigens ein gläubiger Christ, die Kommune 1 als Proteste gegen eine spießige Bürgerlichkeit mit ihren Vertretern Fritz Teufel, Rainer Langhans und der sexy 68-Ikone Uschi Obermeier.
Natürlich fallen mir auch noch weniger politische Dinge ein: Zuallererst der Minirock und das Model Twiggy, die Hot Pants und Aktionen zur Verbrennung von BHs. Ich denke an Oswald Kolle, der maßgeblich an der Popularisierung der sexuellen Revolution beteiligt war. Und last but not least denke ich natürlich an die Beatles und die Rolling Stones, die Flower-Power-Bewegung, das Woodstock Festival als Höhepunkt der Hippie-Zeit und die Mondlandung.

Insbesondere die 68er-Bewegung hat unserem Land mittelfristig einen Umbruch gebracht. Die Nachkriegsgeneration wagte den Aufstand gegen eine verstaubte konservative Gesellschaft, die kaum bereit war, die Zeit der Nazidiktatur ehrlich aufzubereiten. Der Protest gegen traditionelle Strukturen veränderte langfristig Familien und Beziehungen, das Berufsleben, die Geschlechterrollen sowie Moral-vorstellungen und damit die ganze Gesellschaft.
Die fundamentalen Umbrüche, die die einen als gefährliche Bedrohungen und die anderen als Herausforderungen ansahen, machten auch vor der Kirche und der Theologie nicht halt.
Die 1960er Jahre haben in Westeuropa wohl den größten religiösen Wandel seit der Reformation gebracht. Sie brachten einen Verweltlichungsschub, der bis heute anhält. Mit Beginn der 1960er Jahre flaute das Interesse an Kirche und Religion in Deutschland ab. Damals wurde die bis heute andauernde Kirchenaus-trittsbewegung eingeläutet. In den frühen 1960er Jahren waren noch 90 % aller Deutschen Mitglieder der Evangelischen- bzw. Katholischen Kirche, wobei die Evangelische Kirche noch die größere von beiden war. Im Jahr 2018 gehörten nunmehr nur noch rund 53 % der deutschen Bevölkerung den beiden großen Konfessionen an. Der Gottesdienstbesuch sank in den 1960er Jahren bei den Protestanten von 15 auf 7 % und bei den Katholiken von 55 auf 35 %. Dien Mitwirkenden im GottesdienstInzwischen liegen selbst die Katholiken unter 10 %.
Die höhere Bildung der Menschen, die zu liberaleren Ansichten auch im Bereich der Sexualität führen, das sichtlich umfassendere Freizeitangebot wie auch der höhere Lebensstandard führten zur Abnahme der Religiosität unter den Menschen. Doch die Amtskirche blieb in ihren Strukturen weithin die alte und in zahlreichen Kirchengemeinden jenseits der Großstädte bekamen die Gemeindeglieder nur wenig von den Umbrüchen mit.
Stichwortartig möchten Frau Brand-Schulten und ich noch drei Punkte zum Thema Kirche und Theologie in den 1960er Jahren benennen, wobei wir, wie die wunderbare Ausstellung hier im Celler Bomann-Museum "Kalter Krieg und heißer Beat – die 60er Jahre zwischen Aufbruch und Alltag", bis zum Jahr 1973 blicken.

Linkes Foto: Die Mitwirkenden im Gottesddienst (ohne die Musiker): Dr. Peter Söller, Muhje Söllner, Uta Brand-Schulten (im Hippie Outfit), Dr. Andreas Flick und Dr. Kathrin Panne (Bomann-Museum).

 

1. Das zweite Vatikanum war die große Reform der Römisch-katholischen Kirche. Es fand vom Oktober 1962 bis zum Dezember 1965 statt. Die Beziehung der Kirche zur modernen Welt, die Ökumene, das Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen, sowie die Reform der Liturgie waren wichtige Themen. Die Volks-sprache verdrängte fortan das Latein weitgehend als Liturgiesprache.
Übrigens entstand in den 1960er Jahren in der Katholischen Kirche auch die Befreiungstheologie in Lateinamerika in Auseinandersetzung mit den dortigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Sie versteht sich als „Stimme der Armen“ und will zu ihrer Befreiung aus Ausbeutung, Entrechtung und Unter-drückung beitragen.
2. "Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“. Diesen Muff rochen auch junge Theologinnen und Theologen in der Kirche. In den 1960er Jahren wurde diese sichtlich politischer. Man begehrte gegen die verstaubte Amtskirche auf. Bereits 1966 brachten Theologiestudenten in Mainz mit sogenannten Sit-ins – das heißt mit Sitzstreiks – für mehr Mitbestimmung die Professoren auf die Palme.
Eine besonders radikale Minderheit junger Theologen traf sich im Oktober 1968 zur ersten Celler Konferenz. Ihr Protest richtete sich dagegen, dass die Kirche als Stabilitätsfaktor im Spätkapitalismus diene und durch Tröstungen die Leiden der Menschen zudecke.
So radikal dachten freilich nur wenige, auch wenn man sich zunehmend gegen Unterdrückung, Gewalt und Kriege engagierte. Das politische Nachtgebet wurde geboren. Ein Stern namens Dorothee Sölle begann aufzusteigen. Weitere Namen jener Zeit waren Helmut Gollwitzer, Jürgen Moltmann und Martin Luther King.
Übrigens entstand Ende der 1960er Jahre auch die sogenannte Feministische Theologie. Sie kämpft für die Emanzipation der Frauen. Traditionelle Gottesbilder, religiöse Institutionen und Praktiken werden unter feministischer Perspektive infrage gestellt.
Die Hohe Zeit des Christlich-Konservativen neigte sich dem Ende zu. Doch in der katholischen Kirche wurden immer noch Hirtenbriefe verlesen, worin mitgeteilt wurde, welche Partei man denn bitteschön zu wählen habe.
3. Jesus Christ Superstar. Die Hippi-Bewegung machte auch vor der christlichen Religion nicht halt. Jesus Christ Superstar ist eine Popoper, die Ende der 1960er Jahren komponiert und im Oktober 1973 in New York City uraufgeführt wurde. Die Musik wurde von dem damals noch unbekannten Andrew Lloyd Webber geschrieben. Trotz des Widerstands christlicher Gruppen wurde die Popoper ein großer Erfolg und brachte es in der Originalinszenierung auf 720 Aufführungen. Sie war lediglich in Südafrika verboten und wurde sogar im Radio Vatikan gespielt. Hören und sehen wir zum Abschluss unserer Worte Auszüge aus der Oper Jesus Christ Superstar: https://www.youtube.com/watch?v=CEUDcqYGK74

Text: Andreas Flick