Taxometerdroschke vor der UnionIm Jahr 1914 gab es in Deutschland schon 60.878 Automobile. Einige wenige dieser nicht gerade leisen „Benzin-Ungetüme“ ratterten auch durch die Straßen Celles. Damals war Autofahren noch das Privileg der Wohlhabenden; der normale Bürger ging auf Schusters Rappen, fuhr mit dem Fahrrad oder dem Pferdefuhrwerk. Auch im Bereich des gewerblichen Kraftverkehrs lösten die Kraftdroschken und Staßenbahnen nach und nach die Pferdedroschken in der Stadt an der Aller ab.
Verbunden war mit dem technischen Fortschritt jedoch eine Lärmbelästigung ganz neuer Art, die schon damals manche Zeitgenossen verärgerte. Ein Beleg dafür ist der Schriftwechsel zwischen dem Presbyterium der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde und der Polizeidirektion zu Celle. Konkreter Anlass war ein Taxenstand (Taxometerdroschkenstand), der gegenüber der Reformierten Kirche vor der Union existierte. Am 8. Juni 1914 verfasste das Leitungsgremium der Kirchengemeinde ein Schreiben an die hiesige Polizeidirektion, in dem es unter anderem hieß: „Wegen unerträglicher Störung des öffentlichen Gottesdienstes in der hiesigen evangelischreformierten Kirche sieht sich der Unterzeichnete Kirchenvorstand veranlaßt, hochlöbliche Polizeidirektion zu ersuchen, baldmöglichst Verfügung zu treffen, daß der Stand der Automobile von der Hannoverschen Straße nach dem Bohlenberg [Bullenberg] und der Stand der Taxometerdroschken nach der Hannoverschen Straße verlegt werde. Nicht nur der Prediger wird in seinem Vortrage, sond.[ern] auch die Gemeinde wird in ihrer Andacht durch das Geräusch der Automobile erheblich gestört, zumal die Chauffeure die Gewohnheit haben, nach beendigter Tour bei der ‚Anfahrt‘ in der Hannoverschen Straße auf das Trottoir hinaufzufahren, dann rückwärts zu drehen und so gerade unserer Kirche gegenüber einen gewaltigen Lärm verursachen […]“ Nachdem das Presbyterium vergeblich auf eine Reaktion gewartet hatte, schrieben die Herren Presbyter erneut an die Polizeidirektion. Man war zudem darüber verärgert, dass die Automobile wieder auf ihren Platz vor der Union zurückgekehrt waren, so dass es erneut zu Lärmbelästigungen kam. In dem Schreiben lautet es unter anderem: „Der heutige Gottesdienst in der hiesigen evangeli.[sch]-reform.[ierten] Kirche wurde dann auch wieder in so unerträglicher Weise durch Hören der Automobile gestört, daß der Kirchendiener […] während der Predigt das Gotteshaus verließ, um das Einstellen des störenden Lärms zu fordern. Wann endlich wird dieser […] Zustand ein Ende haben?“ In einer Nachschrift fügte der damalige Pastor Wilhelm Deiß, der in dem Pfarrhaus direkt gegenüber der Union wohnte, hinzu, dass er „in seiner tägl.[ichen] Berfufsarbeit erheblich gestört wird“. Diesmal antwortete die Polizei-Direktion auf das Schreiben der Kirchengemeinde. Es wurde mitgeteilt, daß die „Kraftdroschken“ in der Zeit vom 1. Mai bis zum 30. September von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends auf dem bisherigen Platz in der Hannoverschen Strafie [vor der Union gegenüber der Kirche] verbleiben. Für die übrige Zeit und für sonntags wurde den Taxen der Platz vor dem Schubotke’schen Haus an der Triftstraße zugewiesen. Für die Zeit vom 1. Oktober bis 30. April wollte die Polizei-Direktion wegen des „kürzeren Tageslichtes“ die Platzstunden noch näher festsetzen. Damals konnte man noch nicht wissen, daß die Kraftdroschkenangelegenheit durch äußere politische Umstände ad Acta gelegt werden sollte. Denn am 28. Juni 1914 waren in Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau auf offener Straße ermordet worden.
Wenige Wochen danach begann der 1. Weltkrieg.

Andreas Flick